Interview mit John Convertino
Gründungsmitglied und Drummer von Calexico
Interview: Markus Leshem
Auftraggeber: CityBazar – Zeitung

John Convertino - CALEXICO
Hi John, danke, dass du dir Zeit für uns nimmst.
Hi, kein Problem!
2008 erscheint endlich euer neues Album „Carried to Dust“. Was kannst du uns dazu sagen?
Über die ganze Platte? Oh, da gibt es viel, ich könnte stundenlang drüber reden. (lacht) Das Speziellste was mir jetzt einfällt, ist ein Lied in Spanisch, von Jacob Valenzuela. Er ist unser Trompeter und es ist das erste Mal überhaupt, dass er auf einem unserer Alben singt. Wir haben außerdem wieder einige Gastmusiker, die für „Carried to Dust“ mit uns zusammengearbeitet haben.
Ihr verpackt gerne politische Statements in euren Songs. Bestes Beispiel ist „Crystal Frontier“. Wird es solche
Statements auch diesmal wieder geben?
Nicht in dem Ausmaß wie beim letzten Album. Wir haben uns bei „Garden Ruin“ und der Tour ziemlich
verausgabt, indem wir sehr viel über die ganze Bush/Irakkriegsache gesprochen haben. Jetzt, mit den
anstehenden Wahlen hier in den USA, liegt ein Hoffnungsschimmer der Veränderung in der Luft. Eine Art Licht am Ende des Tunnels. Wir haben uns bei „Carried to dust“ wieder mehr auf die Musik konzentriert und weniger auf die politische Aussage. Als ich 2004 zum ersten Mal bei einer Rede von Barack Obama anwesend war, hatte ich ein unglaublich gutes Gefühl, was ihn betrifft. Ich habe auch sein Buch gelesen und wir sind davon überzeugt, dass er, falls er gewählt wird, sich daran erinnern wird wer er ist, woher er kam und wer die
Menschen sind. President Bush hatte einfach das Problem, dass er sich mit Menschen umgeben hat, die ihn so sehr beeinflusst haben, dass er irgendwann nicht mehr für sich selbst gesprochen hat.
Nachdem ich mir einige Tracks des neuen Albums anhören durfte, fühlte ich mich wieder einmal direkt ins Herz von Mexiko versetzt. Habt ihr eine spezielle Beziehung zu diesem Land? Woher kommt eure Vorliebe für „Latin‐Folk“?
Wenn man in Tucson lebt und sich so nahe an der mexikanischen Grenze befindet, dann fühlt man eine gewisse Nähe zu diesem Land. Wir fahren öfter mal nach Mexiko um einzukaufen oder einfach um an den Strand zu gehen. Diese angesprochene Nähe beeinflusst uns in unserer Musik. Wir holen uns die Inspiration aber auch aus anderen Teilen der Welt. Wir touren sehr gerne durch die verschiedensten Länder, weil wir es lieben live zu spielen. Dadurch ergeben sich auch immer die Kooperationen mit anderen Musikern aus aller Welt. Wir hatten schon Gastmusiker aus Frankreich, Italien, Deutschland, Japan, Australien, Neuseeland, Südamerika, usw. Bloß aus Österreich war noch keiner dabei. (lacht) Obwohl ihr gute Musiker habt! Und Mozart. (lacht)
Vielleicht ergibt sich ja was, wenn ihr im Herbst 2008 nach Österreich kommt?
Wer weiß? Wir hatten bisher immer großartige Gigs bei euch. Österreich ist für uns einer dieser sehr speziellen Orte, weißt du? Und euer Publikum ist auch ganz großartig. Bei Konzerten gehen sie immer mit und man hat das Gefühl, dass die Österreicher bereit sind sich unsere Musik anzuhören. Ich habe nie verstanden, wieso es Menschen gibt, die auf ein Konzert gehen und dabei keinen Spaß haben können. Warum seid dann ihr überhaupt hier? (lacht) Ihr kommt doch um Musik zu hören, oder? Und genau deshalb mögen wir das
österreichische Publikum. Sie kommen, fühlen sich wohl und hören Musik.
Calexico beschreibt seine Musik als „Tucson Desert Rock“. Wie würdet ihr euren Stil jemanden erklären, der
keine Ahnung hat wer ihr seid oder was ihr spielt?
Nun, es ist zwar nicht mein Lieblingswort, aber ich würde es am ehesten als eklektisch umschreiben. Musik in verschiedenen Variationen, mit verschiedenen Einflüssen und Kontrasten. Wahrscheinlich würde ich
beschreiben mit welchen Instrumenten wir spielen. Wir sind nicht die typische Rockband, spielen zwar auch
mit E‐Bass, E‐Gitarre und Schlagzeug, aber auf unserer Bühne kommen auch Trompeten, akkustische Gitarren
und ein Flügelhorn zum Einsatz. Also im Grunde … ganz leicht zu erklären. (lacht)
Auf eurer letzten CD „Garden Ruin“ gab es einige Sounds die nicht unbedingt typisch waren für Calexico…
Das stimmt!
Besonders auffällig fand ich dabei die Songs „Lucky Dime“ und das letzte Lied der Platte „All Systems Red“.
Wird es bei „Carried to dust“ auch wieder musikalische Experimente geben?
Ja, definitiv. Ich finde der Song „Victor Jara´s Hand“ ist sehr experimentell. „Two Silver Trees“ und „Contention City“ ebenfalls. In diesen Liedern kommen verschiedene Instrumente zum Einsatz, die wir in der Vergangenheit noch nie benutzt haben. Auch Stimmen die bisher nicht zu hören waren. Jedes Mal wenn wir ins Studio gehen, versuchen wir etwas Neues, experimentieren gerne mit verschiedenen Dingen, um etwas zu schaffen, das so noch nicht da war.
Ihr habt mittlerweile sehr viele Fans, auch in Europa. Trotzdem ist Calexico noch immer so etwas wie ein
Geheimtipp. Habt ihr schon mal darüber nachgedacht eine rein kommerzielle Nummer zu schreiben, um in den Charts oder bei Radiosendern präsenter zu sein?
Nein, eigentlich nicht. Im Grunde sind Joey (Joey Burns, Gesang u. Gitarre, Anm. d. Red.) und ich nur zwei
Typen, die gerne Musik machen. Es ergab sich eine Möglichkeit mit großartigen Künstlern wie Victoria Williams oder Barbara Manning zu spielen. Und zwar in unserer Grundformation als Drummer und Bassist. Als wir dann beschlossen unsere eigene Musik zu machen, profitierten wir natürlich von der Erfahrung, die wir gesammelt hatten, als wir für sie spielten. Aber im Grunde sind wir gleichgeblieben. Wir machen einfach Musik, um Musik zu machen, nicht fürs Geld. (lacht)
Welche Musik hörst du selbst am Liebsten? Hast du eine Lieblingsband oder ‐musikrichtung?
Also, ich persönlich bevorzuge Jazz. Man könnte schon sagen, dass das meine persönliche Lieblingsmusik ist. Einfach durch die Improvisationsmöglichkeiten und die einschlägigen Instrumente der 40er, 50er und 60er.
Danke für das Gespräch John!
Kein Problem. Ich hoffe wir sehen uns im Oktober in Wien! Take Care…